Einige Publikationen nennen sich „Wörterbücher“ und folgen zumindest scheinbar einem lexikographischen Strukturprinzip, ohne doch unbedingt in einem präziseren sprachwissenschaftlichen Sinne Wörterbücher zu sein. Einiges aus diesem zunächst diffusen Feld zählt zur Sprachkritik im politischen oder in einem allgemeineren Sinne wie z.B. das berühmte „Wörterbuch des Unmenschen“ von Sternberger / Storz / Süskind (1957) über die Sprache der NS-Zeit und allgemein der 'verwalteten Welt' (zu vergleichen mit Victor Klemperers "LTI", 1996, 1975 u.ö.) oder das laut Untertitel ‚satirisch-polemische Wörterbuch‘ „Dummdeutsch“ von Eckhard Henscheid u.a. (1985); andere erscheinen als ‚Spezialwörterbücher‘ wie E.J. Havliks „Lexikon“ der lautimitierenden Wörter im Comic (1981), Nabil Osmans „Kleines Lexikon deutscher Wörter arabischer Herkunft“ oder das „Klein[e] Lexikon untergegangener Wörter“ desselben Verfassers (zuerst 1971). Schließlich gibt es noch humoristisch gemeinte, mit dem Topos der Vermittlung zwischen zwei ‚fremden‘ Sprachen spielende ‚Sprachführer‘-Publikationen, die mit den Namen von Fernsehprominenten als Verfassern werben: So z.B. der sogenannte „Langenscheidt Chef-Deutsch/Deutsch-Chef. Klartext am Arbeitsplatz“ oder der „Langenscheidt Arzt-Deutsch/Deutsch-Arzt“ (E.v. Hirschhausen, 2013). Auch wenn der Verlagsname authentisch ist, wird hier auch auf dessen sprichwörtliche Bekanntheit als ‚des‘ deutschen Fremdsprachen-Wörterbuchverlags angespielt.
Das Seminar möchte an diesen und ähnlichen Publikationen untersuchen, welche Alltagsvorstellung oder welches Konzept von „Wörterbuch“ ihnen zugrunde liegt und wie sie sich etwa in ihrer Gestaltung von kanonisierten Universalwörterbüchern, Fremdwörterbüchern und Fachwörterbüchern unterscheiden. Wie ‚dehnbar‘ ist das Konzept ‚Wörterbuch‘ und was besagt es überhaupt? Gibt es auch für den hier thesenhaft eingeführten Bereich der ‚peripheren‘ Wörterbücher Systematisierungsprinzipien? Welche mutmaßlichen Intentionen werden mit der jeweiligen Publikation verfolgt, und wieso wurde versucht, sie mit Hilfe der Gattung Wörterbuch zu realisieren? Wie weit handelt es sich dabei gleichsam um Camouflage? Daher sollten ausgewählte Inhalte und einzelne Einträge kritisch analysiert und im Seminar diskutiert werden. Schließlich soll auch nach möglichen Zielgruppen und der Rezeption der einzelnen Werke gefragt werden.
Umfangreiche Auszüge der besprochenen Publikationen sollen über SIS zugänglich gemacht werden.